Pfingsten im Zeichen von Drohnen und Raketen
Feuerzungen ganz unbiblischer Art waren es, die in der Nacht zum Pfingstsonntag 2026 auf die ukrainische Hauptstadt niedergingen – losgeschickt von den Mächtigen des einen Landes auf das Brudervolk im anderen. Da war nichts vom friedensschaffenden Wehen des Heiligen Geistes zu spüren. Diese Feuerzungen in Form von Drohnen und Raketen richteten die seit längerem größten Verwüstungen in Kiew an, mehrere Menschen kamen zu Tode, Wohn- und Geschäftshäuser brannten aus, eine U-Bahnstation wurde unbrauchbar.
Achim Reis hält den Gottesdienst
Wenige Stunden nach dem Beschuss – die Luft ist noch erfüllt von Brandgeruch – versammelt sich die Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde St. Katharina in ihrer Kirche zum Pfingstgottesdienst. Die Kirche liegt im Zentrum Kiews und zugleich in nächster Nähe zur ukrainischen Präsidialadministration.
Um diesen Gottesdienst mit der Gemeinde zu feiern, bin ich aus Deutschland angereist. Anfang der 90er Jahre war ich hier Gemeindepfarrer. Seit Ausbruch des – wie die Ukrainer sagen - „vollumfänglichen“ Krieges gibt es keinen ständig vor Ort weilenden Pfarrer. Die Gemeinde verantwortet und verwaltet sich selbst, sie wird dabei unterstützt durch mit ihr verbundene Gruppen in Deutschland. Ein Kreis von Pfarrern mit Bezug zur Gemeinde schickt Sonntag für Sonntag Predigten oder reist zu kürzeren oder längeren Seelsorgebesuchen an – wie jetzt ich.
Zum Pfingstgottesdienst sind etwa 50 Gemeindeglieder erschienen, der Chor unter der Leitung von Larissa Sorokopud übernimmt die musikalische Ausgestaltung. Lisa Safonowa, schon einige Jahre als Gemeindesekretärin tätig, übersetzt vom Deutschen ins Ukrainische. (Anfang der 90er Jahre wurde noch ins Russische übersetzt, aber das maßlose Vorgehen Russlands gegen die Ukraine hat diese Sprache ins Abseits gestellt).
Wie wichtig die Besuche aus Deutschland sind
Während die Lesungen, die wechselnden Gebete und die Predigt zweisprachig gehalten werden, werden Credo und Vaterunser nur auf Deutsch gesprochen. Die Lieder stammen durchweg aus dem Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Bayern und Thüringen. Dabei klingen sie alle ein wenig so, als seien sie von Dmitri Bortnjanski bearbeitet worden. Die Feier des Abendmahls erfolgt zum großen Teil auf Deutsch, die Fürbitte für verstorbene Gemeindeglieder wird auf Ukrainisch gehalten. Dabei wird regelmäßig an den hier konfirmierten Ruslan Motornij gedacht, der mit 29 Jahren an der Front gefallen ist. Nach dem Gottesdienst und den Bekanntmachungen durch die Gemeindevorsitzende Lidia Zellsdorf ist Gelegenheit zum Austausch bei Tee und Gebäck. Hier wird mir noch einmal gesagt, wie wichtig Besuche aus Deutschland für die Moral der Gemeinde sind.
Zwei Tage vorher schon, auf der Sitzung des Kirchenvorstands, kamen die drängendsten Probleme der Gemeinde zur Sprache: Die personelle und materielle Auszehrung durch den Krieg, das Fehlen eines ständig vor Ort anwesenden deutschen Pfarrers, die Konflikte in der Deutschen Evangelisch-lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU).
Die Kiewer Gemeinde gehört einerseits zur DELKU, ist andererseits aber auch EKD-Auslandsgemeinde.Pawel Schwarz, der Bischof der DELKU, treibt die Ukrainisierung der Kirche voran, will alles Deutsche ausmerzen. Die Kiewer und einige andere Gemeinden halten dagegen. Schließlich gibt es bereits eine Ukrainische-lutherische Kirche, die ist theologisch aber noch konservativer als Bischof Schwarz.
Die Kiewer Gemeinde kann sich sehr gut auch eine Pfarrerin vorstellen, Schwarz ist gegen die Ordination von Frauen. Es gehört zu den Treppenwitzen der Geschichte, dass mit der Annexion der Krim durch Russland auf dieser Halbinsel die Frauenordination eingeführt wurde: Die dortigen Gemeinden wechselten zur lutherischen Kirche Russlands, die die Frauenordination kennt. Die der Ukraine kennt sie nicht.
Blühende Korruption
Ein Gesprächspartner außerhalb der Gemeinde erklärt den Unterschied zwischen den Mächtigen in der Ukraine und in Russland so: Hier sind sie Betrüger und Diebe, dort sind sie Schläger und Mörder. Es ist also eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Wobei Mörder noch einmal eine Nummer schlimmer ist.
Was aber in Kiew auffällt: Die Dichte der Porsche-SUVs ist weitaus höher als etwa in Frankfurt oder auch Berlin – höher auch, als sie es noch bei meinem letzten Besuch vor knapp zwei Jahren gewesen war. Und das in einem Land, das durch den Krieg aufs Heftigste gebeutelt ist, in dem die Wirtschaft unter den Kriegsfolgen heftig leidet. Andererseits herrscht in Kiew ein Bauboom, von dem man in Deutschland – was die Zahl der neuerrichteten Wohnblocks betrifft – nur träumen könnte. Doch vom Porsche bis zum Neubau: Ohne blühende Korruption ist das alles nicht denkbar. Und so bleibt ein bitterer Beigeschmack bei aller Begeisterung für dieses Land und seinen Freiheitskampf – auch wenn die Ukraine selbst im Krieg Boden gut gemacht hat im Kampf gegen die Korruption. Proteste der Zivilgesellschaft verhinderten vergangenen Sommer, dass der Präsident die Befugnisse der Ermittlungsbehörden einschränkt. Und zuletzt haben sich die Ermittler Fälle vorgenommen, die bin ins Umfeld des Präsidenten reichen.
Gedenken für die Gefallenen
Ungebrochen ist nach wie vor das Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit, trotz aller Ermüdung, die auch spürbar ist, trotz aller Opfer, die erbracht wurden. Auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz, ist das vor zwei Jahren schon große Meer von Gedenkfahnen für die Gefallenen noch einmal um weit mehr als das Doppelte gewachsen, die Fotos der viel zu jung verstorbenen Männer und Frauen erschüttern zutiefst. Einmal täglich ruft die Luftalarm-App der Regierung zum Gedenken an die Opfer, zu einem Moment der Stille.
Die Nacht von Pfingstsonntag auf Pfingstmontag verläuft völlig ruhig – es ist die ruhigste Nacht meines Aufenthalts. Vormittags gibt es noch einmal einen kurzen Luftalarm, am Nachmittag besteige ich den Bus zur Rückreise. Bis zur polnischen Grenze bleibt die Internetverbindung aus Sicherheitsgründen ausgeschaltet: Zur Navigation ihrer Raketen nutzen auch die Russen Starlink.