Aus dem Tagebuch von Jonas Bauschert, Freiwilliger 2010/2011 in Brasilien

September 2011

mein Jahr in Brasilien ist im Juli zu Ende gegangen. Meinen Freiwilligendienst dort zu verbringen, war definitiv eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Das, was ich in diesem Jahr erlebt habe, hat mich in vielerlei Hinsicht bereichert. Ich habe Erfahrungen auf die verschiedenste Art und Weise und in den unterschiedlichsten Bereichen gesammelt. Sowohl bei der Tätigkeit in meinen beiden Projekten, wo ich viel über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gelernt habe, als auch bei Gesprächen und Diskussionen mit den verschiedensten Menschen. Auf Reisen, in unterschiedlichen Städten, Häusern und Familien. Fast überall habe ich herzliche Menschen kennengelernt und mich sehr wohlgefühlt.
Anfangs kam ich mir manchmal vor wie ein kleines Kind, das alles neu erlernen muss. Aber ich habe mich recht schnell eingelebt, und das Leben in einem fremden Land ist mir bald zur Routine geworden.
Viele wunderschöne Momente prägten mein Jahr in Brasilien: Momente des Glücks, auf Festen, beim Tanzen, Samba, Capoeira, Churrasco, Musik, Gespräche. Aber auch Momente, in denen ich nicht mehr weiterwusste, pädagogisch und sprachlich an meine Grenzen stieß. Aber gerade in solchen Situationen lernte ich unglaublich dazu, suchte das Gespräch mit Kindern, Lehrern oder der Leiterin des Projektes. Ich habe gelernt, Probleme aktiv anzugehen und zu lösen, wovon ich immer wieder zehre.

Ich habe mich in meinem Freiwilligenjahr in Brasilien einfach wie Zuhause gefühlt und bin in das brasilianische Leben hineingewachsen. Vieles ist ganz ähnlich wie bei uns, wiederum aber doch nicht. Dies lernt man nur kennen, wenn man für ein Jahr an einem Ort bleibt und in das Leben dort eintaucht, das Leben dort genießt – wie ich es mit Sicherheit getan habe.

“O ano foi maravilhoso.” Das Jahr war wunderbar!

Ihr
Jonas Bauschert

Mai 2011

Ein wunderschöner, erlebnis- und abwechslungsreicher Urlaub liegt hinter mir. Ich habe mich alleine auf den Weg durch Brasilien gemacht, die verschiedensten Leute kennengelernt, andere Freiwillige besucht und herrliche Landschaften gesehen. Zum Abschluss stand das im letzten Brief erwähnte Seminar in Curitiba an. Es tat gut, sich mit den anderen Freiwilligen auszutauschen und neue Ideen zu sammeln.
An das Seminar schlossen direkt die Karnevalsfeiertage an, welche ich zusammen mit einigen anderen Deutschen in Florianópolis verbrachte.
Erfüllt von neuen Eindrücken und Erfahrungen bin ich Anfang März in meine Projekte zurückgekehrt. Mir haben die Arbeit, meine Kollegen und all die Kinder aus den Projekten schon richtig gefehlt und ich wurde mit offenen Armen empfangen.
Die Arbeit ging jedoch stressiger denn je weiter. Es kam nicht selten vor, dass einzelne Kinder fast dem ganzen Personal auf der Nase herumgetanzt sind, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber durch solche Extremsituationen ist mir so einiges über die Hintergründe der Kinder und den pädagogischen Umgang mit ihnen klar geworden. Wenn Kinder in der Familie nur Gewalt erleben und keinerlei Respekt vor älteren Personen lernen, ist es kein Wunder, dass sie diese Erfahrung im Projekt umsetzten und manchmal sogar ihre Freunde wie verrückt schlagen.
Aufgrund solcher Vorkommnisse ist die Arbeit manchmal sehr anstrengend, aber einfach unglaublich gewinn- und weiterbringend.
Neben der Arbeit treffe ich mich zur Erholung regelmäßig mit meinen Freunden hier in São Leopoldo, sei es zum Feiern, Grillen oder „Chimarrão“-Trinken und zu gemütlichen Gesprächen.

Februar 2011

Mein erstes Weihnachten und Silvester in der Ferne liegen hinter mir, und der Sommer hat nun auch den Süden von Brasilien vollständig erreicht.
Dies bedeutet, dass die Kinder aus meinem Projekt CEDEL zwei Monate Schulferien haben. Das Projekt ist daher jetzt nur halbtags geöffnet, da einfach weniger Kinder kommen. Mein anderes Projekt, LUPI, hat bis Anfang Februar ganz geschlossen.
Es finden nun auch verschiedene Ausflüge statt, zum Beispiel ins Freibad, das kostenlos zur Verfügung steht, oder an den Fluss-Seestrand „Lami“ von Porto Alegre.
Dies war ein großes Erlebnis für alle Beteiligten. Zunächst sind wir mit einem Bus, der zweimal im Monat für das Projekt kostenlos gestellt wird, zum Strand gefahren. Dort wurde ein gemütlicher Platz im Schatten ausgewählt, und ab ging es ins Wasser. Selbstverständlich war die Aufgabe aller Mitarbeiter, somit auch meine, auf die Kinder aufzupassen. Ich hab‘ mir das sehr angenehm gestaltet und mit den Kindern gespielt, sie auf die Schultern genommen usw. Es war ein sehr erfolgreicher Ausflug, der, meiner Meinung nach, jedem gefallen hat und den Kindern auch gutgetan hat.
Letzte Woche habe ich etwas „deutsche Kultur“ in Form von „Spätzle mit Soß“ in meinem Projekt eingebracht. Ich stand den ganzen Vormittag am Herd und hab‘ leckere schwäbisch-brasilianische Spätzle geschabt.
Ab nächster Woche habe ich Urlaub und werde durch einen weiteren Teil Brasiliens reisen. Anschließend steht das Zwischenseminar in Curitiba an: mit allen Freiwilligen, die über die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses nach Brasilien gekommen sind.

 

 

August 2010

Fast einen Monat ist es her, dass ich zusammen mit sechs anderen Freiwilligen des GAW hier im Süden Brasiliens angekommen bin.

Ich komme aus Ludwigsburg, bin 19 Jahre alt und habe gerade mein Abitur hinter mir.
Als kleiner Junge schon wollte ich immer ins Ausland, am liebsten nach Lateinamerika. Als dann ein Cousin von mir für ein Jahr nach Argentinien ging, verstärkte sich dieser Wunsch noch mehr, weshalb ich mich im Oktober 2009 für ein Auslandsjahr beworben habe.
Am 25. Juli 2010, nach einigen Vorbereitungsseminaren, ging es endlich los. In Brasilien erwarteten uns zusammen mit vielen anderen Freiwilligen zwei Wochen Seminar und Sprachkurs. Vorträge und Berichte über politische Lage, Arm-Reich-Verteilung und ein Besuch des Hauptsitzes der brasilianischen lutherischen Kirche (IECLB) in Porto Alegre gaben uns einen noch besseren Einblick in das Land. Auch diese Zeit, in der wir viel gelernt haben und neue Freundschaften knüpfen konnten, verging wie im Flug.
So verteilten sich am Freitag, dem 13. August die Freiwilligen in ganz Brasilien. Ich bezog zusammen mit meiner Mitbewohnerin Lea eine Wohnung auf dem Unigelände in São Leopoldo.
Schon am Montag begann meine Arbeit im Projekt CEDEL (Centro Diaconal Evangélico Luterano) in Porto Alegre. Meine Aufgabe ist es, mich mit den Kindern, welche aus sehr armen Verhältnissen stammen, zu beschäftigen, Fußball und Tennis zu spielen oder in der Küche zu helfen.
Kinder und Mitarbeiter haben mich sehr freundlich empfangen und schnell in den Tagesablauf integriert. Die „anjinhos“, also die Kleinen von 6 bis 10, waren sofort sehr anhänglich, was zur Folge hatte, dass ich zeitweise drei Kinder auf einmal auf dem Arm hatte.
Nach der ersten Woche in meinem Projekt fühle ich mich hier sehr wohl und habe das Gefühl, das Richtige zu tun.