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Erinnerung an den Gründer des einst größten Hilfswerks im Osten Europas

Ende der 90er-Jahre werden auf dem staubigen Dachboden des Evangelischen Krankenhauses in Göttingen-Weende zehn große Kisten mit Tausenden Briefen und Akten entdeckt. Diese Briefe und Dokumente erzählen eine abenteuerliche Geschichte:

Sie berichten von dem jungen Theologie-Absolventen Theodor Zöckler, der Ende des 19. Jahrhunderts als Judenmissionar in die evangelische Diasporagemeinde in Stanislau, Galizien auswanderte. Die Kleinstadt war geprägt von verschiedenen Kulturen und Religionen – Juden, Ukrainer, Polen, Deutsche und Armenier lebten dort miteinander. Die kleine evangelische Gemeinde führte jedoch nur ein Schattendasein. Zöckler stürzte sich voller Eifer in seine neue Arbeit. Dabei erlebte er täglich das Leid der vielen verwaisten und obdachlosen Kinder.

Diese Kinder „zwangen zum diakonischen Handeln hier und jetzt. Zöckler blieb in Stanislau, errichtete ein Waisenhaus und verschrieb sich der Diakonie. Schritt um Schritt folgten ein Diakonissenhaus, ein Kinderspital, ein Schülerheim, eine Volksschule, ein Gymnasium, eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen – so entstand ein „Bethel des Ostens“. So war Stanislau ein Zentrum der Diakonie, des kirchlichen Schul- und Erziehungswesens, der allgemeinen kulturellen Arbeit der Kirche in gleicher Weise“, würdigt Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Österreich, das Lebenswerk Zöcklers.

Heute heißt Stanislau Iwano-Frankiwsk und liegt in der Ukraine. Die Zöcklerschen Anstalten gibt es schon lange nicht mehr. Doch die „Zöcklerstraße“ im Zentrum der Stadt erinnert an den evangelischen Pfarrer und sein Hilfswerk.

Erasmus Zöckler hat in jahrelanger Arbeit die vielen Briefe und Unterlagen seines Großvaters Theodor Zöckler gesichtet und dessen beeindruckende Lebensgeschichte niedergeschrieben. Mit „Ihr sollt leben!“ ist ihm ein lebendiges Zeugnis von Menschenliebe und Gottvertrauen gelungen.

Eine Frau schiebt vier Kinder in einem historischen Kinderwagen
Ein polnisches, ein ukrainisches, ein jüdisches und ein deutsches Kind - das Sinnbild der Zöcklerschen Anstalten