Partner-Talk aus Taschkent

Partner-Talk heißt das neue Format, in dem Partnergemeinden und Projekte aus Minderheitskirchen sich per Zoom mit dem Gustav-Adolf-Werk Hessen-Nassau verbinden und berichten. Am 11. September 2022 war Hessen-Nassau mit Bischof Alfred Eichholz im 5000 km entfernten Taschkent in Mittelasien verbunden. Im öffentlichen Partnertalk sprach Eichholz live aus der evangelisch-lutherischen Kirche in Taschkent. Er ist Bischof in Kirgisien, betreut aber die beiden kleinen Gemeinden in Usbekistan mit. Sein Gesprächspartner ist Jürgen Barth, Vorsitzender des Gustav-Adolfwerks in Hessen-Nassau. Das Video hat eine Länge von 53 Minuten.

Zur Lage in Mittelasien
Seit mehr als 25 Jahren unterstützt das Gustav-Adolf-Werk Hessen-Nassau die kleine Evangelisch-Lutherische Kirche in Usbekistan. Die Gemeinde in Taschkent hat gerade mal 80 Mitglieder. Das 1896 eingeweihte Kirchengebäude ist die einzige historische lutherische Kirche in Zentralasien. Die übrigen Gemeinden versammeln sich in Bethäusern oder Wohnhäusern. Die Gottesdienste werden von Laienpredigerinnen gehalten, denn aktuell gibt es in der Kirche keine Pfarrer. Als bischöflicher Visitator besucht der kirgisische Bischof Alfred Eichholz die Gemeinde nach Möglichkeit.

Bischof Eichholz berichtet

Im violetten Collarhemd und dem umgehängten Bischofskreuz steht Bischof Alfred Eichholz am Pult, vor sich das Smartphone, im Hintergrund der Altarraum der deutschen evangelisch-lutherischen Kirche in Taschkent. Schmuck sieht die Kirche aus, renoviert mit Mitteln des Gustav-Adolf-Werks. So berichtete Eichholz für eine Stunde seinen Partnern in Hessen-Nassau per Zoom über die Lage der kleinen Gemeinde in Taschkent. Gottesdienste gäbe es jeden Sonntag in deutscher und russischer Sprache. Der Chor singe, Musik gäbe es. Aber wegen Covid sei die Musikerin am heutigen Sonntag nicht da gewesen.

Die kleine deutschstämmige Gemeinde
Überwiegend ältere Leute, die einen Bezug zur Deutsch Sprache oder Tradition hätten, zählten zu den evangelisch-lutherischen Christen in Usbekistan. Sobald die Deutschstämmigen in den 90er Jahren nach Deutschland ausgewandert seien, seien sie „wie von Winde verweht“ gewesen und die Kirche sei „total geschrumpft“. Die Kraft selbst etwas zu erwirtschaften, sei damit verloren gegangen.

Er, der „mit Leib und Herz ein Missionar“ sei, meint, „Ohne missionarische Aktivitäten wird es ganz ganz schwierig sein, diese Gemeinden weiter zu führen.“ Seit seinem letzten Besuch vor der Corona-Pandemie habe er nun die Hälfte der Gemeinde nicht mehr gesehen. Viele seien gestorben, auch an Covid 19.  So spricht der Bischof heute von 20 bis 25 Mitgliedern, ausschließlich Frauen. Zwischendurch zeigt sich Gemeindevorsteher Viktor Schmidt, dessen Frau hier die Predigerin ist. Einen Pfarrer gibt es nicht.

In Fergana sei die Lage ähnlich. Aber auch dort gäbe es eine Gemeindevorsteherin, und Irina Pawlowa predige in einem umgebauten Wohnhaus.  Jetzt nach Corona, wo er wieder nach Usbekistan reisen könne, wolle er noch einmal den Versuch starten, auch in Samarkand eine Gemeinde zu gründen. Zunächst müsse sie staatlich registriert werden.

Kirche und Politik
Der neue Präsident gäbe viel mehr Freiheit für Glaubensgemeinschaften. „Darum gibt es vom Staat her keine gravierenden Hindernisse für die Gemeinde und ihre Arbeit.“  Der Staat ist interessiert, dass die Religionen friedlich miteinander leben. Er selbst werde von der Regierung zu besonderen Gelegenheiten oder Veranstaltungen eingeladen. Auch die Kontakte zu den Katholiken seien gut.

Auf die Frage, ob und wie der Krieg in der Ukraine das Gemeindeleben beeinträchtige, sagte der Bischof vielsagend: „Nein“, aber man müsse dazu sagen „man schweigt über das Thema“, es seien gespaltene Meinungen, jede Äußerung könne gravierend sein. Es folgt eine deutliche Pause.

Unterstützung durch das Gustav-Adolf-Werk Hessen-Nassau
Zum Thema der Partnerschaft unterscheidet Bischof Eichholz zwischen dem „gegenseitigen Beten und Denken, Grüßen und Besuchen“ als dem Wichtigsten, und der „materiellen Seite“. Großes Lob sprach er aus, wie sich das Gustav-Adolf-Werk in 27 Jahren gekümmert habe. Ohne diese Hilfe, gäbe es „keine Chance mehr zu existieren“. Nach den Renovierungen am Dach und dem Gebäude selbst stehe seit vier Jahren die Frage an, wie die uralten Fenster erneuert werden können. Jetzt solle zunächst ein erstes Fenster bis zum 6. Oktober fertig gestellt werden.

Es stehe aber auch ein dringendes diakonisches Projekt an. Die Predigerin Ludmilla Schmidt sei sehr krank und müsse rasch eine künstliche Hüfte bekommen, was die Familie finanziell nicht leisten könne.

Eichholz als Bischof unterwegs
Wenn der Bischof die Gemeinden in Usbekistan besucht, kann er nach Taschkent das Flugzeug nehmen, um aber auch in Fergana Station machen zu können, ist die Reise umständlich. Er fliegt zunächst nach Osch, fährt dann mit einem Sammeltaxi zur Grenze, geht zu Fuß über die Grenze, und steigt in ein anderes Sammeltaxi, das ihn bringt. Dort bleibt er meist ein bis zwei Tage. Von der Nachbarstadt  Margilan fährt ein Zug nach Taschkent, wo er drei bis vier Tage bleibt. Die Fahrt mit dem Auto dauert allein bis Fergana 12 bis 14 Stunden und ist auf teilweise unbefestigten Straßen keine gute Wahl.

Alfred Eichholz ist 1960 in einer deutschstämmigen Familie in Kirgisien geboren. Nachdem diese im 2. Weltkrieg wie alle Deutschen nach Sibirien verschleppt worden war und dann später von dort nach Kirgisien umsiedelte, ist die Familie Eichholz 1988 „als Großfamilie“ nach Deutschland ausgewandert. 1999 wurde Eichholz nach Kirgistan gerufen, um dort die Jugendarbeit aufzubauen. Er absolvierte eine theologische Ausbildung bei St. Petersburg und wurde 2005 Bischof in der evangelisch-lutherischen Kirche in Kirgistan mit Sitz in Bischkek. seit 2015 kam die Aufgabe hinzu, auch die Gemeinden in Usbekistan bischöflich zu begleiten.