Venezuela: Nach dem Erdbeben - Zwischen Trümmern und Hoffnung

In der lutherischen Gemeinde in Caracas werden Hilfsgüter verpackt (Foto: GAW)

Das schwere Doppelbeben vom 24. Juni 2026 hat Venezuela tief erschüttert. Mehr als 4.500 Menschen kamen nach offiziellen Angaben ums Leben, Tausende gelten weiterhin als vermisst und Hunderttausende haben ihr Zuhause verloren. Kirchliche Partner des GAW – die Evangelisch-Lutherische Kirche in Venezuela (IELV) und Acción Ecuménica (AECU) – leisten seit dem ersten Tag Hilfe.

Eine Katastrophe mit weitreichenden Folgen
Die Rettungsarbeiten sind inzwischen weitgehend abgeschlossen. Für viele Menschen beginnt nun eine neue, nicht weniger schwierige Phase: der Alltag ohne Wohnung, Einkommen oder soziale Sicherheit. Nach offiziellen Angaben wurden mehr als 58.000 Gebäude beschädigt oder zerstört. Besonders betroffen sind die Hauptstadt Caracas, die Küstenregion La Guaira sowie die Gebiete um Puerto Cabello, Morón und Valencia.
Viele Familien suchten zunächst Schutz bei Verwandten oder Freunden. Andere erwägen, Venezuela zu verlassen – wie die rund 7,9 Millionen Menschen, die Venezuela in den letzten Jahren aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Krise bereits verlassen haben. Hyperinflation, akuter Nahrungsmangel und der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung haben zu dem Exodus geführt. Ein Großteil dieser Emigranten suchte Zuflucht in Nachbarländern innerhalb Lateinamerikas und der Karibik. Allein in Kolumbien leben mittlerweile rund 2,8 Millionen venezolanische Staatsbürger, gefolgt von Peru mit etwa 1,6 Millionen aufgenommenen Menschen.
Das Erdbeben verschärft nun eine ohnehin seit Jahren andauernde humanitäre und wirtschaftliche Krise.

Kirchen bleiben – auch wenn die Schlagzeilen verschwinden
Die internationalen Rettungsteams beenden ihren Einsatz schrittweise. Vor Ort bleiben die, die Hilfe aufgrund ihrer internationalen Netzwerke leisten können. Für das GAW sind es die kleine lutherische Kirche IELV und die ökumenische sozialdiakonische Acción Ecuménica in Caracas. Sie kennen die Menschen und ihre Lebenssituation.
Die IELV versorgt in Caracas Kranke mit Medikamenten und medizinischer Ersthilfe. Ein kirchliches Altenheim bereitet täglich Mahlzeiten für Menschen in Notunterkünften sowie für Helferinnen und Helfer des Roten Kreuzes zu. In Valencia und Barquisimeto haben Kirchengemeinden Geflüchtete aufgenommen und begleiten Familien, die ihr Zuhause verloren haben.
Acción Ecuménica konzentriert sich auf die medizinische Grundversorgung, Lebensmittelhilfe sowie die psychosoziale Begleitung traumatisierter Menschen. Mitarbeitende besuchen Notunterkünfte und öffentliche Sammelplätze, erfassen die dringendsten Bedürfnisse und koordinieren die Hilfe gemeinsam mit lokalen Partnern.
Besonders belastend ist die Situation für das Straßenkinderheim Casa Hogar „Amor, Fe y Esperanza“ in Valencia. Bereits kurz nach dem Erdbeben hat es zusätzliche Waisenkinder aufgenommen, die durch das Erdbeben ihre Eltern verloren haben. Die Einrichtung arbeitet inzwischen an der Grenze ihrer personellen und finanziellen Möglichkeiten.

Hilfe unter schwierigen politischen Rahmenbedingungen
Die Hilfe wird durch politische, wirtschaftliche und logistische Hürden erheblich erschwert. Seit Jahren leidet Venezuela unter einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Internationale Sanktionen, eingefrorene Vermögenswerte und ein angeschlagenes Finanzsystem erschweren den Import von Hilfsgütern ebenso wie internationale Geldtransfers. Auch internationale kirchliche Hilfswerke erleben immer wieder Verzögerungen oder Blockaden bei Überweisungen an ihre Partner vor Ort.
Hinzu kommen große soziale Herausforderungen. Viele Kinder haben Eltern oder Angehörige verloren. Sie sind in Gefahr, Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden. Gleichzeitig leiden unzählige Menschen unter den psychischen Folgen der Katastrophe. Angst vor Nachbeben, der Verlust von Familienmitgliedern und die Zerstörung der eigenen Existenz hinterlassen tiefe Spuren.

Von der Nothilfe zum Wiederaufbau
In den kommenden Wochen stehen weiterhin Lebensmittelhilfe, medizinische Versorgung und psychosoziale Begleitung im Mittelpunkt. Gleichzeitig richten die Partner ihren Blick bereits auf den langfristigen Wiederaufbau. Dabei geht es nicht allein um den Neubau von Häusern oder die Reparatur zerstörter Infrastruktur. Ebenso wichtig sind Bildungsangebote, berufliche Qualifizierung und die Förderung kleiner Einkommensmöglichkeiten. Ziel ist es, Menschen wieder eine eigenständige Lebensperspektive zu eröffnen und sie dauerhaft aus der Abhängigkeit von Nothilfe zu führen.

Solidarität, die bleibt
In einer Situation, in der die internationale Aufmerksamkeit nachlässt, gewinnt die Unterstützung der kirchlichen Partner besondere Bedeutung. Sie verbinden schnelle humanitäre Hilfe mit langfristiger Begleitung und geben den Menschen Hoffnung, wo Verzweiflung den Alltag bestimmt. Das GAW unterstützt diese Arbeit, damit aus Nothilfe neue Zukunftsperspektiven wachsen können.

Spendenkonto:

Gustav-Adolf-Werk e.V.
IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11
BIC: GENODED1DKD (KD-Bank)
Stichwort: „Nothilfe“

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