Venezuela: Nach dem Erdbeben - Hoffnung geben, wenn die Kameras verschwunden sind
Sechs Wochen nach den schweren Erdbeben vom 24. Juni 2026 richtet sich der Blick in Venezuela auf den langen Weg zurück in den Alltag. Die beiden Beben, die den Norden des Landes erschütterten, gehören zu den schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Mehr als 6.000 Menschen kamen ums Leben, Zehntausende wurden verletzt, zahlreiche Menschen werden weiterhin vermisst. Über 58.000 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Hunderttausende Menschen sind bis heute auf Hilfe angewiesen.
Besonders betroffen sind die Hauptstadt Caracas sowie die Bundesstaaten La Guaira und Carabobo. Die internationale Soforthilfe ist inzwischen weitgehend abgeschlossen. Doch für die betroffenen Familien beginnt jetzt die schwierigste Phase: Wie sollen sie ihre Häuser und Wohnungen wieder aufbauen? Wann können Kinder und Jugendliche wieder zur Schule gehen? Wie können die traumatischen Erlebnisse verarbeitet werden? Dieser Weg wird viele Monate und sogar Jahre dauern.
Eine Katastrophe trifft ein Land in der Krise
Das Erdbeben traf Venezuela in einer ohnehin dramatischen Situation. Seit Jahren leidet das Land unter einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. Hyperinflation, regelmäßige Stromausfälle, ein marodes Gesundheitswesen, Medikamentenmangel und eine zusammengebrochene öffentliche Infrastruktur prägen den Alltag. Mehr als sieben Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner haben ihre Heimat in den vergangenen Jahren verlassen. Es fehlen Ärztinnen und Ärzte, Handwerker, Lehrkräfte und viele andere Fachkräfte, die für den Wiederaufbau dringend benötigt würden.
Das Erdbeben zerstört damit die ohnehin fragile Existenzgrundlage. Deshalb sind verlässliche lokale Strukturen wichtig. Evangelische Gemeinden und kirchliche Partnerorganisationen kennen die Menschen und genießen ihr Vertrauen. Sie verfügen über funktionierende Netzwerke. Damit bleiben sie an der Seite der Betroffenen, wenn staatliche Unterstützung kaum ausreicht und internationale Hilfsorganisationen ihren Einsatz beendet haben.
Kirchengemeinden übernehmen Verantwortung
Gemeinsam mit dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) leisten die deutschsprachige evangelische Gemeinde San Miguel der Iglesia Evangélica Luterana en Venezuela (IELV) in Caracas und ihre „Hilfsgruppe Erdbeben“ nachhaltige Hilfe für besonders betroffene Familien.
Im Mittelpunkt stehen vier Arbeitsbereiche:
- Schutz und Unterbringung: Das Gemeindezentrum wird als sicherer Zufluchtsort für Jugendliche genutzt. Gleichzeitig engagieren sich die jungen Menschen in der Betreuung älterer und pflegebedürftiger Menschen.
- Kinder und Bildung: Das Kinderheim in Araira erhält Lebensmittel, Möbel und ein neues Dach. Im Bildungsprojekt „Urimame“ werden Kinder in provisorischen Zeltschulen unterrichtet und mit Mahlzeiten sowie Schulmaterial versorgt.
- Ernährung: Suppenküchen und das deutsch-venezolanische Altersheim bereiten täglich warme Mahlzeiten für Menschen in Notunterkünften zu.
- Medizinische und psychosoziale Hilfe: Das GAW unterstützt die Finanzierung von Rollstühlen, Prothesen und medizinischer Versorgung. Zugleich erhalten traumatisierte Kinder und Erwachsene psychologische und seelsorgliche Begleitung.
Auch die evangelisch-lutherische Gemeinde der IELV in Valencia hat zahlreiche Erdbebenopfer aufgenommen und versorgt sie mit Lebensmitteln, Kleidung und dem Nötigsten zum Leben. Im Straßenkinderheim Casa Hogar „Amor, Fe y Esperanza“ leben inzwischen zusätzlich Kinder, die durch das Erdbeben ihre Eltern verloren haben. Die Mitarbeitenden leisten Enormes. Gleichzeitig arbeitet die Einrichtung an der Grenze ihrer personellen und finanziellen Möglichkeiten.
Hoffnung geben, wenn die Kameras verschwunden sind
Auch die Partnerorganisation Asociación Evangélica de Cuidados (AECU) hat Unterstützung des GAW erhalten. In besonders betroffenen Gebieten wie La Pastora und La Guaira begleitet sie Familien medizinisch, sozial, psychologisch und seelsorglich. Viele Menschen leiden unter den Folgen schwerer Verluste und traumatischer Erfahrungen. Deshalb ist die psychosoziale Begleitung ein sehr wichtiger Bestandteil der Hilfe durch die kirchlichen Partner.
„Nach wenigen Wochen verschwindet eine Katastrophe meist aus den Schlagzeilen. Für die betroffenen Familien beginnt dann jedoch erst der lange Weg zurück in ein normales Leben. Unsere Partnerkirche und Acción Ecuménica in Caracas bleiben an ihrer Seite und geben Hoffnung, wenn andere Hilfe längst weitergezogen ist. Das ist eine Stärke kirchlicher Netzwerke“, sagt Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks.
Arno Erdmann, Vorsitzender der evangelischen Gemeinde San Miguel in Caracas, ergänzt: „Die Menschen brauchen nicht nur Lebensmittel oder Baumaterial. Sie brauchen Menschen, die bleiben. Erst eine verlässliche Begleitung über Monate und Jahre ermöglicht ihnen, wieder Vertrauen zu fassen und Schritt für Schritt in ein normales Leben zurückzufinden.“
Langfristige Hilfe braucht langfristige Solidarität
Bereits wenige Tage nach der Katastrophe konnte das Gustav-Adolf-Werk erste Hilfsgelder an seine Partner in Venezuela überweisen. In den kommenden Monaten wird das GAW seinen Partnern helfen und solidarisch an ihrer Seiten bleiben.
Alle Spenden werden ohne Abzüge an die Partnerorganisationen vor Ort weitergeleitet und dort für Nothilfe, Wiederaufbau und die langfristige Begleitung der betroffenen Menschen eingesetzt.
Spendenkonto:
Gustav-Adolf-Werk e.V.
IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11
BIC: GENODED1DKD (KD-Bank)
Stichwort: „Nothilfe“