Ungarn: Reformierte Kirche sucht neuen Kurs
Nach den nationalen Wahlen in Ungarn hat sich der Leitende Bischof der Reformierten Kirche in Ungarn (RCH), József Steinbach, in einem ausführlichen Interview mit reformatus.hu zu den politischen Entwicklungen und der künftigen Rolle der Kirche geäußert.
In seinem Grundsatzinterview betont Bischof Steinbach eine dezidiert theologisch geprägte Perspektive. Er erinnert daran, dass die reformierte Kirche das Jahr 2026 zum „Jahr des Gebets“ ausgerufen hat. Das Gebet sei für die Kirche „kein Rückzug, sondern die verantwortungsvollste Form des Handelns“, die in unruhigen Zeiten Orientierung, Demut und Hoffnung ermögliche.
Bemerkenswert offen zeigt sich der Bischof gegenüber der Kritik an der Kirche, insbesondere hinsichtlich einer wahrgenommenen zu großen Nähe zur Politik. Er betonte, dass die Kirche für ihren Dienst am Gemeinwohl auf staatliche Unterstützung angewiesen sei, auch weil ihr historisch Vermögen entzogen wurde. Dennoch müsse die Kirchenfinanzierung künftig überdacht werden – auch mit Blick auf eine stärkere Eigenverantwortung der Gemeinden.
Auf den Vorwurf angesprochen, die Kirche habe Fehlverhalten politischer Akteure in der Vergangenheit nicht ausreichend kritisiert, wählte Steinbach eine differenzierte Linie: Es sei primär die Aufgabe politischer Instanzen oder der Justiz, Fehlverhalten zu verfolgen. Dennoch räumte er ein, dass die Kirche ihre „prophetische Stimme“ stärken müsse, um Missstände klarer zu benennen oder gar Widerstand zu leisten. In diesem Zusammenhang zitierte er ausdrücklich den deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer.
Im Wahlkampf selbst habe die Kirche sich bewusst zurückgehalten. Steinbach verwies auf eine gemeinsame Erklärung der Kirchen, die zu Besonnenheit, Wahrheit und Respekt aufrief und sich explizit von parteipolitischen Kämpfen distanzierte.
Nach den Wahlen hat die Reformierte Kirche dem Vorsitzenden der Tisza-Partei gratuliert und Gottes Segen für seine Verantwortung erbeten. Gleichzeitig dankte sie der bisherigen Regierung für die langjährige Zusammenarbeit. Nach ersten Kontakten mit der neuen Regierung hofft Steinbach nun auf eine Kooperation, die sich am Gemeinwohl orientiert: „Wir sind zur Zusammenarbeit bereit und hoffen, dass unsere christlichen Werte in Bildung und Gesellschaft weiterhin gewahrt bleiben. Wir beten und arbeiten für einen konstruktiven gemeinsamen Dienst.“
Um gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden, rief Steinbach die Gemeinden zu Dialog und Heilung auf. Die Christinnen und Christen seien aufgerufen, in ihrem Umfeld Frieden zu stiften und Vertrauen aufzubauen: „Versöhnung beginnt innerhalb der Gemeinschaft.“