Italien: Proteste und Plünderungen
Wut über soziale Ungleichheit und fehlende Perspektiven
In Mailand und weiteren Städten Norditaliens ist es am Wochenende zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen – ähnlich wie bereits seit Tagen in Frankreich. Am Samstag, dem 17. Oktober 2026, eskalierte in Mailand eine zunächst friedlich verlaufende Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten und soziale Ungleichheit. Im Zentrum wurden Geschäfte geplündert, Schaufenster zerstört und Barrikaden angezündet. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Auch in Bologna, Turin, Brescia und Bergamo kam es zu Zusammenstößen.
Hinter den Protesten stehen wachsende soziale Spannungen. Steigende Preise, stagnierende Reallöhne und die zunehmende Wohnungsnot belasten besonders junge Menschen. Viele Jugendliche aus den Randbezirken und mit Migrationsgeschichte fühlen sich abgehängt und nicht gehört. In Mailand richtet sich die Wut auch gegen die teuren Geschäfte der Innenstadt. Neben dem Verständnis für die Frustration der Jugendlichen nimmt zugleich eine scharfe gesellschaftliche Verurteilung der Gewaltexzesse zu.
Der lutherische Pastor Klaus Fuchs aus Mailand berichtet, dass seine Kirche, die unweit des Domplatzes und der Einkaufsstraßen liegt, von den Unruhen nicht direkt betroffen war. Fuchs sieht einen Zusammenhang zwischen der Wut der Jugendlichen und ihrer Erfahrung, vom Staat und der Gesellschaft kaum wahrgenommen zu werden. Viele der Beteiligten seien bislang nicht polizeilich aufgefallen. Fuchs bezweifelt, dass die Reaktion der Politik zu einer grundlegenden Veränderung der Situation junger Menschen führen wird. „Die Reaktion der Regierenden folgt einem in der gesamten italienischen Gesellschaft verbreiteten Muster, das ich als paternalistisch beschreiben würde“, so Fuchs. „In Italien erwarten die Älteren ausschließlich Respekt von den Jüngeren. Kritik und Widerspruch sind Eigenschaften, die hier nicht geschätzt werden. Und Respekt bedeutet in den Augen der Älteren Gehorsam und das Hinnehmen der Strukturen und Gepflogenheiten, wie sie immer schon gewesen sind. Jugendliche und selbst junge hochqualifizierte Absolvent*innen der Universitäten werden mit einem Hungerlohn abgespeist und haben über viele Jahre lang keine Perspektive, sich selbst finanzieren zu können. Die privilegierten Älteren verteidigen ihren Besitzstand und können in den Vorschlägen und alternativen Herangehensweisen der Jüngeren keinen positiven Beitrag zur Verbesserung der Situation sehen. Das führt nach wie vor zu einem Exodus vieler begabter jungen Menschen aus Italien oder eben zu einer inneren Emigration, die sich aktuell heftig in Gewalt und Zerstörung Bahn gebrochen hat.“
Der Waldenserpastor Andreas Köhn berichtet von einer jungen Frau aus der methodistischen Gemeinde in Mailand, die nach einer Kopfverletzung durch einen Schlagstock ins Krankenhaus gebracht werden musste. In seinen Gemeinden sind die aktuellen Ereignisse derzeit ein wichtiges Thema.