Europa: Schutz vor sexualisierter Gewalt gehört zum Auftrag der Kirche
Auftaktkonferenz der GEKE in Warschau setzt europäisches Zeichen für Safeguarding
„Schutz vor sexualisierter Gewalt ist keine Nische kirchlichen Handelns, sondern betrifft die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt.“ Diese Überzeugung prägte die europäische Auftaktkonferenz der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Warschau. Vertreterinnen und Vertreter aus zahlreichen europäischen Kirchen kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsame Standards für den Schutz von Kindern, Jugendlichen und vulnerablen Erwachsenen weiterzuentwickeln.
Im Mittelpunkt stand das Konzept des Safeguarding: die Förderung einer Kultur der Sensibilisierung, Prävention und Intervention. Ziel ist es, sichere Räume zu schaffen, in denen Menschen vor Gewalt geschützt werden und Grenzverletzungen frühzeitig erkannt werden können. Die Teilnehmenden machten zugleich deutlich, dass vollständiger Schutz nie garantiert werden kann. Entscheidend ist daher, Risiken wahrzunehmen, sie offen anzusprechen und Verantwortung konsequent wahrzunehmen.
Ein roter Faden der Konferenz war die Auseinandersetzung mit Macht. Sexualisierte Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Wo Menschen auf Begleitung, Hilfe, Pflege oder geistliche Orientierung angewiesen sind, entstehen Machtasymmetrien. Vertrauen, Autorität und persönliche Nähe können missbraucht werden. Deshalb braucht es klare Rollen, transparente Strukturen und die Bereitschaft, Macht kritisch zu reflektieren. Missbrauch ist nicht nur ein Problem einzelner Täterinnen oder Täter, sondern stellt auch die Frage nach den Strukturen und Kulturen, die Übergriffe ermöglichen oder verdecken.
Intensiv diskutiert wurde zudem die Spannung zwischen notwendiger Nähe und notwendigem Schutz. Kirchliche Arbeit lebt von Beziehungen, Seelsorge, Trost und persönlicher Begleitung. Schutzkonzepte sollen diese Nähe nicht verhindern, sondern helfen, sie verantwortungsvoll zu gestalten. Zwischen wohltuender Nähe und Grenzverletzung liegt oft ein schmaler Grat. Verhaltenskodizes, Abstands- und Abstinenzgebote dienen deshalb vor allem der Sensibilisierung und Orientierung.
Mehrfach wurde auf die Ergebnisse der Missbrauchsstudie der EKD verwiesen. Sie macht deutlich, dass alle kirchlichen Räume zu Tatorten werden können. Die Opfer der Vergangenheit müssen deshalb Ansporn sein, konsequent zu handeln und die Herausforderungen nicht zu verdrängen. Zu lange haben Kirchen geschwiegen oder weggesehen. Heute geht es darum, Verantwortung zu übernehmen und Betroffene in den Mittelpunkt zu stellen.
Eine wichtige biblische Grundlage wurde in Matthäus 18,10 gesehen: „Seht zu, dass ihr nicht eines von diesen Kleinen verachtet.“ Der Schutz von Kindern, Jugendlichen und vulnerablen Personen gehört zum Kern christlicher Ethik und damit zum Auftrag der Kirche. Sichere Räume zu schaffen, ist nicht nur eine organisatorische Aufgabe, sondern Ausdruck gelebten Evangeliums.
Die Konferenz in Warschau versteht sich als Auftakt eines europaweiten Lernprozesses. Die Rahmenbedingungen in den Mitgliedskirchen unterscheiden sich aufgrund verschiedener Traditionen, gesetzlicher Vorgaben und gesellschaftlicher Kontexte erheblich. Umso wichtiger ist der Austausch über Erfahrungen, Herausforderungen und bewährte Praxis.
Grundlage dafür ist auch eine Erklärung des Rates der GEKE, die am 19. Juni 2026 in Warschau veröffentlicht wurde. Darin werden die Mitgliedskirchen aufgerufen, Schutzmaßnahmen hohe Priorität einzuräumen und damit auch Vorbild für andere gesellschaftliche Bereiche zu sein. Bezug genommen wird auf die Resolution 2533 der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, die europaweite Standards für die Aufarbeitung von Kindesmissbrauch und den Schutz vulnerabler Personen fordert.
Die Botschaft aus Warschau lautet: Nicht die Existenz eines Schutzkonzeptes ist entscheidend, sondern die Entwicklung einer Kultur des Hinschauens. Schutz wird dort wirksam, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, Macht kritisch reflektieren, Grenzverletzungen ansprechen und bereit sind, aus Fehlern zu lernen. Gerade darin liegt ein wesentlicher Beitrag der Kirche für die Gesellschaft – und ein Ausdruck ihres christlichen Auftrags.