In Russland sind Menschen mit Behinderung und deren Angehörige auf sich allein gestellt. Menschen mit schweren Behinderungen ist die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in der Regel vollständig verwehrt: von Kindergärten und Schulen über Freizeiteinrichtungen bis hin in die Arbeitswelt. Manche Barrieren sind offensichtlich: Nirgendwo, auch nicht bei Neubauten, wird an Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Gehbehinderung gedacht. Andere Barrieren existieren in den Köpfen. Pfarrerin Tatjana Schiwodjorowa aus Togliatti: „In Russland fehlt das Bewusstsein dafür, dass Menschen mit Behinderung ein Teil der Gesellschaft sind und dass auch sie ein Recht auf ein Leben in der Gemeinschaft haben.“ Umgerechnet 100 Euro Rente erhält ein behinderter Mensch in Russland. Schiwodjorowa: „Davon kann man nicht leben.“
Die kleine evangelisch-lutherische Kirchgemeinde in der russischen Stadt Togliatti setzt sich seit Jahren für Kinder mit Behinderung und deren Familien ein. Die Gemeinde ist die Initiatorin und Mitbegründerin des KIT-Clubs, dessen Hilfsangebote für behinderte Kinder und deren Eltern immer bekannter werden. Zu einem Sportfest kamen 130 behinderte Kinder mit ihren Familien. Die therapeutische Tanzgruppe von Pfarrerin Tatjana Schiwodjorowa hat regen Zulauf von Kindern mit Down Syndrom und Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen. Immer mehr Menschen und Organisationen bekunden ihr Interesse an einer Mitgliedschaft und Mitarbeit im KIT-Club, zum Beispiel ein Puppentheater oder sogar die Fakultät für Soziale Arbeit der Universität von Togliatti.
Die therapeutische Tanzgruppe von Tatjana Schiwodjorowa trifft sich von je her in den Räumen der lutherischen Gemeinde. Bisher hat die Gemeinde ihre Räumlichkeiten angemietet und musste mehrfach umziehen. Im August ist es ihr nach langem Bangen gelungen eine Wohnung zu kaufen, bei der auch die nachträgliche Einrichtung eines barrierefreien Zugangs möglich ist. Die Gemeinde hat um Unterstützung bei der Abzahlung des Kredits und bei der Renovierung der Wohnung gebeten. Die Arbeitsgemeinschaft der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk e.V. unterstützt die Gemeinde mit ihrem Jahresprojekt 2011, das diakonische Initiativen in Russland und der Ukraine stärken möchte.